Die Sache mit der Strafe

Ist es OK, Katzen in erzieherischen Maßnahmen zu strafen? Was heißt das überhaupt? Funktioniert das? Und wenn ich das nicht möchte, welche anderen Möglichkeiten habe ich dann? Erziehung kann auch bei Katzen funktionieren. Man muss nur wissen, wie. Da gibt es ein paar Kniffe, die man kennen sollte, um erfolgreich und vor allem nicht aversiv (sondern attraktiv) auf seine Katze einzuwirken.

Strafbasierte Erziehung – Sinn oder Unsinn?

Einer dieser Kniffe ist der konstruktive Umgang mit unerwünschtem Verhalten. Strafen sind selten im Sinne der Katze und oft wenig konstruktiv: In den meisten Fällen erfolgen sie zu spät, zu heftig oder zu schwach. Dadurch sind sie entweder wirklungslos in Bezug auf das Verhalten, das eigentlich gestraft werden soll – was noch die wünschenswerteste Variante ist. Im schlimmsten Fall wird nicht das unerwünschte Verhalten der Katze mit der Strafaktion verknüpft, sondern der strafende Mensch, der Ort an dem die Strafe stattfindet oder auch jemand völlig unbeteiligtes wie die Mitkatze, die nur zufällig vorbei kommt.

Was heißt das überhaupt – Strafe?

Als Strafe bezeichnen wir im Alltag eine Aktion, die entweder eine Art Vergeltung für begangenes Unrecht darstellt (wie du mir so ich dir), bzw. aufzeigen soll, dass ein Verhalten in den Augen des Strafenden nicht okay ist. Beim Thema „Katzen und Strafen“ denken wir schnell an so etwas wie Anschreien, Händeklatschen, die Wasserpistole oder Gegenstände werfen, aber auch an Igorieren oder Aussperren.

In der Lerntheorie bezeichnen wir mit einer Strafe eine Konsequenz auf ein Verhalten. Tritt in Zukunft dieses Verhalten seltener auf, war die Konsequenz eine Strafe. Tritt es häufiger auf, war es ein Verstärker. Es gibt zwei Arten von Strafe:

  • die ängstigende Strafe (sog. ositive Strafe) und
  • die frustrierende Strafe (sog. negative Strafe).

Die Begriffe „positiv“ und „negativ“ sind dabei nicht wertend im Sinne von „gute Strafe“ oder „schlechte Strafe“, sondern rein mathematisch gemeint: im Sinne von „etwas (unangenehmes) hinzufügen“ und „etwas (angenehmes) wegnehmen oder vorenthalten“.

 Der wichtigste Unterschied zwischen diesen beiden Bedeutungen ist, dass wir in der Lerntheorie nicht werten, sondern nur danach schauen, ob das Verhalten zukünftig seltener auftritt oder nicht. Wir wissen also erst später, ob die Konsequenz wirklich eine Strafe oder ein Verstärker war.

Ein weiterer wichtiger Aspekt: auch etwas, das wir gar nicht als Strafe meinen, kann die Katze als solche auffassen. Die Strafe (und auch die Belohnung) entsteht erst durch die Bewertung der Katze, z.B.:

  • wir setzen die Katze runter, weil sie nicht auf den Tisch oder die Arbeitsplatte darf –> sie kann nicht dort sein, wo sie gerade sein möchte
  • wir sperren die Katze über Nacht aus dem Schlafzimmer aus, weil sie uns wach hält –> Entzug von sozialer Interaktion
  • wir geben der Katze nicht das ersehnte Leckerchen, weil sie die Übung falsch oder gar nicht ausgeführt hat –> Entzug der Belohnung
  • der Topfdeckel fällt versehentlich scheppernd zu Boden –> die Katze erschreckt sich
  • die Katze verfängt sich mit der Kralle und verletzt sich –> Schmerzen

 Wenn ich hier von Strafe spreche, meine ich damit die lerntheoretische Bedeutung des Wortes „Strafe“.

Regeln für Strafe

Um zu verstehen, warum Strafe funktioniert, oder eben auch nicht funktioniert, müssen wir verstehen, wie sie funktioniert.

Damit Strafe überhaupt funktionieren kann, muss sie verschiedenen Regeln folgen. Die Katze hat sonst keine Chance, zu verstehen was ihr Mensch ihr sagen möchte:

  1. Kontiguität / Zeitliche Nähe:
    Die Strafe muss unmittelbar nach dem unerwünschten Verhalten erfolgen. Das heißt innerhalb von einer Sekunde nach Beginn der Tat (spätestens unmittelbar nach der Tat), sonst kann kein Lernen stattfinden. Nur bei dieser zeitlichen Nähe hat die Katze eine Chance, die Konsequenz (Strafe) mit ihrer Tat zu verknüpfen. Die Voraussetzung dafür ist, dass der Mensch dabei ist, wenn das Verhalten begonnen wird.
  2. Kontingenz / Folgerichtigkeit:
    Die Strafe muss immer erfolgen, wenn die Katze das unerwünschte Verhalten zeigt. Geschieht das nicht, lernt sie nur, das unerwünschte Verhalten in Abwesenheit ihres (strafenden) Menschen zu zeigen, bzw. sucht sich einen anderen, sicheren Ort dafür aus. Auch hier muss der Mensch zugegen sein, und zwar 24 Stunden täglich, 7 Tage die Woche.
  3. Das richtige Maß:
    Die Strafe muss genau die richtige Intensität haben: ist sie zu mild, verfehlt sie ihre Wirkung, ist sie zu stark, stresst oder ängstigt sie die Katze und verhindert eine Lernerfahrung (Stresshormone verhindern die Ausschüttung von Dopamin, dem Lernhormon). Es wird dabei kein Alternativverhalten (= richtiges, erwünschtes Verhalten), sondern vielmehr ein Meideverhalten erzeugt. Es kommt auch vor, dass eine Katze sich an einen Strafreiz gewöhnt, so dass die Intensität immer weiter erhöht werden muss.
  4. Fehlverknüpfungen:
    Es besteht die akute Gefahr von Fehlverknüpfungen: wir können nie mit Sicherheit sagen, womit genau die Katze den Strafreiz verknüpft. Katzen nehmen gleichzeitig mehr als nur einen Reiz wahr: während die Katze z.B. mit der Wasserspritze gestraft wird, sieht sie die Mitkatze oder einen Mitmenschen an, gleichzeitig hört sie ein Geräusch, steht auf dem Teppich, ist in der Nähe des Katzenklos, dessen Geruch sie wahrnimmt. Wir können unmöglich vorhersagen, mit welchem dieser wahrgenommenen Reize die Strafe verknüpft wird.

Selbst wenn alle diese Regeln eingehalten können (was in den meisten Fällen sehr unrealistisch ist), weiß die Katze immer noch nicht, welches erlaubte Verhalten sie statt dessen zeigen kann, um ihr aktuelles Bedürfnis zu befriedigen oder um ihre Situation zu verbessern und sich damit besser zu fühlen. Das führt in der Regel dazu, dass sie sich andere Alternativen sucht, die uns oft noch viel weniger gefallen.

Anonyme Strafen

Auch heute finden sich noch Ideen und Anleitungen für so genannte „Anonyme Strafen“. Einige dieser Strafen sind gar nicht so anonym wie behauptet wird, z.B. die Wasserpistole: die Katze sieht sehr wohl woher das Wasser kommt. Sie nehmen aber z.T. den Menschen aus der Gleichung, so dass der Mensch als ausführende Instanz nicht mit dem Strafreiz verknüpft werden kann. Trotzdem gelten die Regeln der Strafe auch für anonyme Aufbauten. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Regeln immer und überall eingehalten werden können bleibt sehr zweifelhaft, da der Mensch nicht 24 Stunden am Tag auf die Katze schaut, meist nicht schnell genug ist oder sich bei der Härte der Strafe verschätzt. Die Aufbauten müssen ggf. nach dem Umfallen auch wieder aufgestellt werden, falls die Katze einen zweiten Versuch wagt.

 Bedürfnisse und Verhalten

Wir dürfen außerdem nie vergessen, dass ein Verhalten, egal ob erwünscht oder unerwünscht, immer einen Grund hat. Es entsteht nicht einfach so oder weil die Katze ihren Menschen ärgern möchte (Protestpinkeln ist und bleibt ein Mythos), sondern aufgrund von körperlichen und / oder emotionalen Ursachen. Wenn wir dann durch eine Strafe ein Verhalten unterdrücken (denn nichts anderes passiert dabei) ist die Ursache für das Verhalten, also das Gefühl, die Emotion oder auch der körperliche Zustand nicht verschwunden. Die Ursache ist noch da und sucht sich dann womöglich andere Ventile.

Wir kommen also nicht darum herum, herauszufinden, warum eine Katze ein Verhalten zeigt, das uns stört. Eine Strafe wird nur dafür sorgen, dass die Katze das Verhalten in unserer Anwesenheit unterläßt, wenn überhaupt.

Katzenerziehung ist Vertrauenssache – zwischen Ihnen und Ihrer Katze

Jedes Verhalten hat Konsequenzen, auch das Verhalten eines Menschen gegenüber seiner Katze. Eine strafbasierte Erziehung führt bei einer Katze mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht dazu, dass sie den strafenden Menschen immer toller findet. Sie wird vielmehr beginnen, ihren Menschen als unberechenbar wahrzunehmen. Sie verliert das Vertrauen in ihn. Es gibt Katzen die darauf mit erlernter Hilflosigkeit reagieren, die depressiv werden und echte Verhaltensstörungen entwickeln. Es gibt auch Katzen, die, besonders bei bedrohlichen Strafen, um ihre Sicherheit fürchten und aggressiv antworten. Und es gibt Katzen die sich einfach mehr und mehr von ihrem Menschen zurück ziehen und ihre eigenen Wege gehen wenn sie können. Keine dieser Optionen ist schön oder erstrebenswert – und schon gar nicht notwendig. Es geht auch anders! Katzen können so viel lernen, und sie lernen so viel besser, wenn wir ihnen dabei helfen, anstatt sie zu unterdrücken, ihre Bedürfnisse ignorieren oder gegen sie arbeiten. Eine Katze kann nur so gut lernen, wie ihr Mensch sie unterrichtet bzw. trainiert.

Fazit

Die Regeln der Strafe einzuhalten ist also gar nicht so leicht. Strafen müssen in den meisten Fällen immer wieder wiederholt werden oder intensiver und härter werden, damit die Katze weiterhin abgeschreckt wird. Viel effektiver (und schöner) ist es, der Katze ein alternatives Verhalten beizubringen, das uns gefällt und das für sie attraktiver ist als das unerwünschte Verhalten. Nett zu unseren Katzen zu sein fühlt sich auch für uns Menschen besser an als strafen zu müssen (denn es gibt andere Wege).

Das bedeutet: Es reicht nicht, der Katze zu sagen, was sie nicht tun soll. Sagen Sie ihr doch einfach, was sie statt dessen tun kann, um ihr Bedürfnis zu stillen. Sie kann lernen, dass sie sich sogar eine Belohnung verdienen kann, indem sie ein alternatives Verhalten ausführt.

Beispiele

  • Statt auf den Tisch zu springen, kann die Katze lernen, unten zu warten (alle vier Füße mit Bodenkontakt).
  • Statt zu betteln, kann die Katze lernen, auf ihren Platz zu gehen und sich dort durch ruhiges Warten Belohnungshappen verdienen.
  • Statt an der Couch zu kratzen, kann die Katze lernen, am Kratzbaum zu kratzen.
  • Statt zu beißen, wenn sie nicht mehr gestreichelt werden möchte, kann die Katze lernen, ein anderes Signal zu geben, wenn sie keinen Kontakt mehr mag.
  • Statt an der Tür zu kratzen, wenn sie hinaus möchte, kann die Katze lernen, sich vor die Tür zu setzen und einmal zu maunzen.

Trainingsmethoden und andere Ideen, wie Sie diesen neuen Umgang mit Ihrer Katze umsetzen können, finden Sie bei der Katzenverhaltensberaterin Ihres Vertrauens, in qualifizierter Literatur (meine persönlichen Favoriten finden Sie hier: meine Empfehlungen und mein Bücherregal) und auf verschiedenen Internetseiten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.